Von Berggeistern und Seelenlandschaften
Seelenschau 02/23: Alpiner Winterzauber
(Von Thomas Lambert Schöberl – Buchautor, Lehrer & Heilpraktiker)
Während die Weihnachtszeit von stürmischen Winden und Temperaturschwankungen geprägt war, entfaltet sich nun, in der vollen Pracht des Winters, ein alpines Schauspiel von unvergleichlicher Schönheit. Der sehnsüchtig erwartete Schnee bedeckt die Landschaft und in dieser Stille, wenn der Bach leise klirrt, die Almen unberührt daliegen und nur das Wild seine Spuren im frischen Schnee hinterlässt, beginnt für mich eine der schönsten Phasen des Jahres.

Der Schnee reflektiert das Sonnenlicht, und alles erstrahlt in einem leuchtenden Weiß – ein sanftes, doch sicheres Versprechen, dass die härtesten Stunden des Winters nun hinter uns liegen. Überall auf dem Land, besonders in abgelegenen Gegenden, verweilen Weihnachtskrippen und
-bäume bis Mariä Lichtmess am zweiten Februar als stille Zeugen vergangener Festlichkeiten. Dieser Tag, eingebettet in jahrhundertealte Überlieferungen, markiert nicht nur das Ende der Weihnachtszeit, sondern spiegelt auch die biblische Erzählung wider, in der Maria und Josef ihren neugeborenen Sohn vierzig Tage nach seiner Geburt dem Tempel darbrachten. In früheren Zeiten wurden an diesem Tag im Rahmen sogenannter Lichterprozessionen der gesamte Jahresvorrat an Kerzen gesegnet – ein Brauch, der die Bedeutung des Lichts als Quelle allen Lebens und als universelles Symbol des Heiligen in den verschiedensten Religionen und Kulturen hervorhebt. Auch heute, in einer Welt, die von technischer Überbelichtung geprägt ist, spendet der Schein einer Kerze uns in den existenziellen Momenten unseres Daseins Wärme, Hoffnung und Trost.
Der zweite Februar leitet auch das landwirtschaftliche Jahr ein. Spielt das Wetter mit, erwachen die Felder aus ihrem Winterschlaf. Für Dienstboten war dieser Tag von besonderer Bedeutung, da sie den Rest ihres Jahreslohns erhielten und oftmals die einzigen freien Tage des Jahres genossen. Ein tief verwurzelter Brauch zu Lichtmess war das Schenken neuer Schuhe, entweder als Vorbereitung auf die kommenden Arbeitsmonate oder als symbolische Begleitung bei der Suche nach neuer Beschäftigung. Diese Tradition führte oft zum Ende von Liebschaften unter den Dienstboten, die lange Zeit an der Ehe gehindert wurden. Die Redensart „Neue Schuhe, neue Liebe“ hat hier ihren Ursprung. Doch bis zum Ende der Eisheiligen im Mai ist es noch ein weiter Weg, und in manchen Regionen treiben die gespenstischen Schatten der Raunächte, ein in der volkstümlichen Überlieferung verankertes Phänomen, das die Verbindung zwischen dem Übernatürlichen und dem Zyklus der Jahreszeiten betont, noch immer ihr Unwesen.
Geisterflüstern und Erlösung im Schatten der Alpen
In den schattigen Schluchten und auf den einsamen Almen der bayerischen und tirolerischen Alpen, wo der Winter oft seine strengste Seite zeigt, belebt sich alljährlich eine uralte Sage: die Zeit der Berggeister, die mit dem traditionellen Almabtrieb im Herbst ihren Lauf nimmt. In meiner Heimat erzählt man, wie diese mystischen Wesen aus ihren verborgenen Schächten und Höhlen hervorkommen, um während der Wintermonate die verlassenen Hütten auf den Almen zu bewohnen. In dieser Zeit, wenn der Mond die Schneelandschaft in ein geisterhaftes Licht taucht und die Nächte kristallklar sind, offenbaren die Berggeister ihr wahres Wesen. Doch diese Geister der Berge sind nicht allein; es gibt auch jene Geister, die im Tal und an anderen Orten leben und die während des Winters zu den Almen hinaufziehen. Unter der Schirmherrschaft der Berggeister findet dort ein mystisches Gericht statt, ein Zusammentreffen, das die Grenzen zwischen der irdischen und der übernatürlichen Welt verwischt. Beide Arten von Geistern, sowohl die der Berge als auch jene des Tals, meiden das Räucherwerk und das Geläut der Glocken. Diese Klänge haben die Macht, sie zu vertreiben, bedrohen gar ihr Dasein. In den Raunächten, den mystischen Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönigstag, blicken selbst die furchteinflößendsten Berggeister in die Augen von Tod und Teufel und erzittern vor der wilden Jagd der Holle.
In der heiligen Christnacht geschieht etwas Außergewöhnliches: Alle Geister, sowohl die der Berge als auch jene des Tals, versammeln sich am Fuße des Wilden Kaiser-Gebirges zu einer geheimnisvollen Prozession. Es ist eine Nacht der Gerechtigkeit und Erlösung, in der die guten Geister in den Himmel aufsteigen dürfen, während die anderen in den dunklen Wäldern und einsamen Tälern ein weiteres Jahr verbringen müssen. Der Spuk dauert bis zum Ostersonntag, die Geister machen es sich auf den Almen gemütlich, kochen ihr letztes Mahl und segnen die Almen im ersten Licht des Morgens.
Mit dem Erwachen der ersten Frühlingsblüher ziehen sie sich zurück in die Tiefe der Berge, um über ihre Schätze und Geheimnisse zu wachen. Doch wehe den Bergmännern, die zu tief schürfen, und den Wanderern, die heilige Pflanzen pflücken oder zerstören. Sie rufen den Zorn der Geister hervor, und so mancher, der es wagte, die Natur zu sehr herauszufordern, kehrte nie mehr zurück. Eine Warnung, die durch die Jahrhunderte hallt.
Natur und Seele – Eine tiefe Verbindung
In den alten alpinen Sagen öffnet sich ein Raum der Geborgenheit, in dem wir uns unseren tiefsten Ängsten stellen, eingehüllt in die sanfte Decke der Symbolik. Diese alten Erzählungen sind mehr als nur Spiegelbilder archetypischer Urbilder. Sie legen auch unsere tiefe seelische Verbindung zur Natur offen. Durch sie lernen wir, Demut und Respekt vor der Natur zu empfinden und uns über ihre majestätische Schönheit zu verwundern. Die Erhabenheit, die in diesen Sagen zum Ausdruck kommt, geht weit über ein bloßes ästhetisches Konzept hinaus. Sie dient als ein kraftvolles Mittel, um unsere tiefsten menschlichen Erfahrungen und Emotionen zu erforschen und zu verstehen.
In der modernen Psychologie und Pädagogik wird der Begriff der „Seele“ vielleicht oft vernachlässigt oder bewusst umgangen. Doch keine Kultur auf der Welt hat es versäumt, sich mit diesem Konzept auseinanderzusetzen und ihre eigene Deutung zu finden. In der Naturheilkunde spielt die Seele eine zentrale Rolle, ergänzend zu Geist und Körper. Diese ganzheitliche Betrachtung erkennt an, dass unser Wohlbefinden tief mit der Natur verwoben ist. Die instinktive und enge Verbindung von Seele und Natur, die uns in den alten Sagen und Mythen unserer Ahnen begegnet, manifestiert sich intensiv in ihrer Beziehung zur Welt der Pflanzen, Pilze und Kräuter. Diese Beziehung geht weit über einzelne pharmakologische Wirkstoffe hinaus und erscheint heute oft fremdartig.
Indigene Völker der Gegenwart, die als hervorragende Beobachter und Kenner der Natur gelten, sind fest verwurzelt in dem Glauben, dass alles in der Natur – Berge, Felsen, Bäume, Flüsse – eine eigene Seele besitzt. Dieser Gedanke fordert das moderne naturwissenschaftliche Weltbild heraus, das den Menschen aus dem Zentrum des Kosmos gerückt, ihn aber auch seiner Seele beraubt hat. Wenn wir den alten Geschichten lauschen und uns selbst als endliche Wesen mit unendlichen Seelen in einem unendlichen Kosmos verstehen, erlangt jedes Herz, jeder Stein, jeder Baum wieder eine zentral wichtige Bedeutung und wird damit zum Abbild der gesamten Schöpfung.
Darum sind die Naturgeister in unseren alten Geschichten weit mehr als nur archetypische Figuren oder Spiegel unserer inneren Schatten. Sie sind die Seelen und Charakterzüge all jener Landschaften, durch die sie streifen. Ihre Geschichten sind lebendige Beziehungen zwischen Menschen und Natur, erzählt von Seele zu Seele, ganz ohne Lupe, Mikroskop und Skalpell. Erzählen wir sie weiter! Sie sind nicht nur ein kulturelles Erbe, sondern auch Bildungsschätze für Verstand und Herz. Gerade jetzt, in der kalten Jahreszeit, wo ein frohes Gemüt unsere ganze Vorstellungskraft erfordert, möchte ich Sie einladen, in der Stille des Winterwaldes ein letztes Mal tief innezuhalten, hinzuhören und zu träumen. Mit ihrem Herzen – nicht mit dem Verstand. Dann verweilen Sie an einem besonders schönen Ort und fragen sich: Welche Anteile Ihrer Seele sind bereit, sich wie die guten Geister am Wilden Kaiser zu erheben und erlöst zu werden? Überlegen Sie auch, welche Themen noch in den „alten Schuhen“ festgetretener Gewohnheiten stecken. Was braucht es für Ihre eigenen, frischen Spuren im Schnee?