Der Garten als Spiegel der Seele
Seelenschau 05/23: Blumen und Blüten statt Rasen
(Von Thomas Lambert Schöberl – Buchautor, Lehrer & Heilpraktiker)
Der Garten, Spiegel der Seele und Zeuge der Zeit, erzählt Geschichten von Wachstum, von Verlust und Neuanfang. In der Erde vergraben liegen nicht nur Samen, sondern auch Träume und das stetige Ringen um Harmonie. Wie ein Gärtner die Erde bestellt, so bearbeitet der Mensch sein inneres Feld, sät Hoffnungen und erntet Erkenntnisse. Der Garten Eden mag in seiner Vollkommenheit entrückt sein. Doch in jedem Beet, jeder Blüte lebt ein Echo dieses Ortes der Heimat, Erinnerung und Heilung.
Der Abschied von der traditionellen Rasenfläche in meinem Praxisgarten war mehr als nur eine gärtnerische Entscheidung. Es war das Ende einer Ära und der Beginn eines neuen, umweltbewussteren Kapitels. Dieses Projekt begann vor acht Jahren und hat sich zu einem stetigen Prozess der Entwicklung nicht nur meines Gartens, sondern auch meiner selbst und meiner therapeutischen Arbeit entpuppt. Der Rasen, einst ein Symbol für Ordnung und Konformität, erscheint heute als Relikt einer Zeit, in der wenig Verständnis für Diversität und ökologisches Gleichgewicht vorhanden war. Nun dominieren Hochbeete, Wasserstellen, Stauden- und Gemüsebeete das Bild meines Gartens. Neu hinzugekommen ist ein traditioneller Bauerngarten, der in seiner Vielfalt und Struktur an ein natürliches Ökosystem erinnert. Dieser Stil vereint Blumen und Gemüse in harmonischer Koexistenz und folgt den Prinzipien der Permakultur.

Ihr Ziel ist es, nachhaltige und selbsttragende Ökosysteme zu schaffen. Dabei werden Pflanzen so angeordnet, dass sie einander unterstützen, zum Beispiel indem bestimmte Pflanzen Schädlinge fernhalten und so den Einsatz von Pestiziden reduzieren. In meinem Garten, wie in der Naturheilkunde, trägt jede Pflanze auf ihre Weise zur Gesundheit des Ganzen bei. Die Bienen, angezogen durch die Blumenvielfalt, sind ein zentrales Element meines Gartens und symbolisieren die Bedeu-
tung von Gemeinschaft und Kooperation. Diese Konzepte übertrage ich
auch auf meine therapeutische Arbeit, indem ich das Bild des Gartens nutze, um die Notwendigkeit von Selbstfürsorge und Ausgewogenheit im Leben meiner Patienten zu vermitteln.
Die wissenschaftliche Forschung untermauert tatsächlich die positive Wirkung von Naturgeräuschen auf unsere psychische und körperliche Gesundheit. Eine Studie der University of Sussex fand heraus, dass das Hören von natürlichen Geräuschen, wie dem Plätschern von Wasser, eine beruhigende Wirkung auf unser Gehirn hat und unsere Gedanken vom Alltagsstress abschweifen lässt. Die Studie zeigte, dass das Hören von Naturklängen Veränderungen in der Vernetzung des sogenannten „Default-Mode“-Netzwerks unseres Gehirns bewirken kann, was zu einer Reduktion der Aktivität des sympathischen Nervensystems führt – jenem Teil des Nervensystems, der bei Stress und Gefahr aktiviert wird. Darüber hinaus ergab eine Metaanalyse aus dem Jahr 2021, dass Naturgeräusche wie Vogelgesang, Wasser und Windgeräusche positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben können. Sie führen zu verbesserter Stimmung, reduziertem Stress und optimierten kognitiven Leistungen.
Insbesondere Wassergeräusche hatten den größten Einfluss auf Gesundheit und positives Affektverhalten. Über die Jahre hat sich mein Garten, mit seinen verschiedenen Zonen, als idealer Praxisraum und perfektes Gesprächszimmer herausgestellt. Anfangs mag es für Patienten ungewöhnlich sein, aber bei gutem Wetter entsteht schnell Begeisterung für diesen grünen, lebendigen Therapieraum. Ich ermutige meine Patienten, eigene Gärten anzulegen. Dies stärkt nicht nur ökologisches Bewusstsein, sondern dient auch dazu, dass Patienten ein Gespür für biologische Zusammenhänge entwickeln. Karl Ove Knausgård erinnert uns in seinem Werk „Alles hat seine Zeit“ daran, dass „alles, was du bist (Mensch), auch außerhalb von dir“ existiert. Jeder Herzschlag, jede Atmung, ist ein Echo der Rhythmen und Muster der Natur.
Unsere Organe, so lebensnotwendig und doch so verletzlich, erzählen die Geschichte unserer Verbindung zur Erde, zum Wasser, zur Luft. Wenn Krankheit uns heimsucht, wenn unsere physischen Systeme nachgeben, werden wir schmerzlich daran erinnert, dass wir nicht vollständig die Herrschaft über unser eigenes Sein haben. In dieser Erkenntnis liegt Demut, und ebenso Schönheit. Gärten sind seit jeher ein Spiegelbild der Kulturen und ihrer Bewohner. Um auch unserem volksheilkundlichen Erbe gerecht zu werden, sind im Bauerngarten neben Frauenmantel, Wermut, Malve, Baldrian und Schafgarbe auch Echinacea auch Ringelblumen (Calendula) Pflichtprogramm. Echinacea ist für ihre immunstärkenden Eigenschaften bekannt und wird in der Volksheilkunde zur Behandlung von Erkältungen, oberen Atemwegsinfektionen und langsam heilenden Wunden eingesetzt. Ringelblume hat entzündungshemmende und wundheilende Eigenschaften und findet oft in Salben und Tees Verwendung.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Bauerngartens ist das Johanniskraut, das für seine antidepressiven und entzündungshemmenden Eigenschaften geschätzt wird und den Bienen reichlich Nahrung bietet. Waldmeister, ideal für schattige Bereiche, und Bärlauch, der feuchte Standorte bevorzugt, sind gesunde und schmackhafte Bodendecker, um unerwünschte Kräuter aus dem Bauerngarten fernzuhalten. In den Städten gibt es dann noch die Schrebergärten. Dr. Daniel Gottlob Moritz Schreber, ein deutscher Arzt, hat zwar nicht direkt den Schrebergarten erfunden, aber er spielte eine zentrale Rolle in deren Entwicklung. Schreber war Befürworter der Gesundheits- und Bewegungserziehung. Er entwickelte er ein Konzept von Spielplätzen für Kinder, um ihre körperliche Gesundheit und Entwicklung zu fördern. Nach seinem Tod im Jahr 1861 wurden diese Spielplätze, die ursprünglich als „Schreberplätze“ bekannt waren, in vielen deutschen Städten ausgebaut. Erst später, unter dem Einfluss von Schrebers Ideen und insbesondere durch die Initiative seines Anhängers Ernst Innocenz Hauschild, entwickelten sich diese Plätze zu den heute bekannten Schrebergärten. Hauschild erweiterte das Konzept um kleine Gärten für Familien, die in städtischen Wohnungen lebten. Diese Gärten sollten den Familien ermöglichen, frisches Gemüse anzubauen und zugleich einen Platz für Erholung und Freizeit bieten.

Im Kontrast dazu stehen die opulenten, strengen französischen Gärten des Adels, die Reichtum und Zähmung der Natur verkörperten. Marie Antoinette, die letzte Königin von Frankreich, hatteeine besondere Verbindung zu ihrem Garten. Dieser Garten, das Petit Trianon, war ein Ausdruck ihres Wunsches nach einem einfacheren, natürlicheren Lebensstil, fernab der strengen Etikette und Pracht des französischen Hofes. Im Petit Trianon gestaltete Marie Antoinette eine idyllische Landschaft, die einen starken Kontrast zu den formellen und geometrisch gestalteten, französischen Gärten bildete. Sie bevorzugte einen „englischen“ Gartenstil, der natürlicher und weniger strukturiert war. Dieser betonte sanfte, fließende Landschaften, unregelmäßige Formen und eine scheinbar zufällige Platzierung von Bäumen, Sträuchern und Blumen. Ein herausragendes Merkmal ihres Gartens war das Hameau de la Reine (das Dorf der Königin), eine Reihe von rustikalen Gebäuden und ein Bauernhof, der dazu diente, eine ländliche Idylle zu kreieren. Dieses „Dorf“ beinhaltete eine Molkerei, eine Mühle, und verschiedene Häuser und Scheunen, die dazu bestimmt waren, Marie Antoinette und ihren Gästen die Illusion eines einfachen Landlebens zu vermitteln.
Dieser Rückzugsort war also ein Paradox und spiegelte Maries Sehnsucht nach einem privateren, weniger formellen Leben wider.Und wie sieht es heute aus? Die Beliebtheit von Schottergärten birgt verheerende Konsequenzen. Schottergärten können zu einer signifikanten Erhöhung der Außentemperaturen beitragen – abends sogar um über 12 Grad Celsius. Dieser Temperaturanstieg kann die Kosten für die Klimatisierung der umliegenden Gebäuderäume um bis zu 50 % steigern. Glücklicherweise ist in Städten wie Leipzig die Errichtung solcher „Gärten“ künftig untersagt. Im Gegensatz dazu bieten Stauden- und Gemüsebeete viele Vorteile. Sie sind wassersparend und verbessern die Bodenqualität. Selbstverständlich, ein kleiner Rasen- oder besser ein Kleeabschnitt im Garten kann weiterhin eine schöne Ergänzung sein, insbesondere wenn man bedenkt, dass Barfußgehen auf natürlichem Untergrund sehr heilsam ist. Der direkte Kontakt mit der Erde eine natürliche Form der Reflexzonenmassage, die Spannungen lösen und unseren Körper mit neuer Energie aufladen kann. In diesem Sinne ist jeder Garten – ob Bauerngarten, Schrebergarten oder der kleinste Balkon – ein wichtiger Beitrag zum großen Ganzen und auch ein greifbares und lebensnahes Plädoyer für die Naturheilkunde.