Hoffnung: Flügelschlag des Unbewussten
Seelenschau 12/24: Glaube, Liebe, Hoffnung
(Von Thomas Lambert Schöberl – Buchautor, Lehrer & Heilpraktiker)
Wahre Liebe ist stets von Hoffnung durchdrungen. Und genauso ist Hoffnung ohne das Engagement der Liebe eine Feder ohne Flügel. Erst gemeinsam entfalten sie ihr volles Wesen und erinnern uns daran, an etwas zu glauben, das größer ist als wir selbst.

Inmitten der Weihnachtsgeschichte finden wir einen wortwörtlichen Hoffnungsträger: den Esel. Er trägt nicht nur hochschwangere Maria, sondern auch das Versprechen einer besseren Welt. In einer Gesellschaft, die Glanz und Ruhm verehrt, erinnert uns dieses bescheidene Tier an die Kraft des Unscheinbaren. Sein geduldiges Wesen spiegelt unseren eigenen Weg wider – oft schwer beladen, aber ungebrochen im Herzen. Die Einfachheit des Stalls, in dem das Göttliche Gestalt annimmt, offenbart eine zeitlose Wahrheit: Wahrhaftiges muss allzeit erwartet, liebevoll behütet, geduldig getragen und mutig geboren werden. Dieses Weihnachten lehrt uns der Esel, dass Liebe in der Beharrlichkeit der Hoffnung wohnt – eine Lektion von bleibender Relevanz.
In einem Dorf, am Rande eines weiten Feldes, lebte ein alter Bauer. Seit Jahren hatte er einen Esel, der ihm treu als Gefährte diente. Doch eines Tages geschah ein Unglück. Neugierig, wie es seiner Na-tur entsprach, stolperte der Esel in einen alten Brunnen, der schon seit Jahren ausgetrocknet war. Das ganze Dorf hörte das laute, verzweifelte Schreien des Tieres und eilte herbei, um zu helfen. Die Dorfbewohner versuchten, den Esel aus dem Brunnen zu ziehen. Stunden vergingen, und die Menschen wurden müde und hoffnungslos. Jeder Versuch, den Esel zu retten, schien vergeblich.
Der alte Bauer verbrachte die ganze Nacht am Brunnen, bis die Stimme seines geliebten Esels verstummte. Am nächsten Morgen erwachte der Bauer mit einem schweren Herzen. Der Brunnen, in den der Esel gefallen war, sollte mit Schutt aufgefüllt werden, um weiteres Unglück zu verhindern. In seiner Traurigkeit und Verzweiflung beschloss der Bauer, diesen Plan umzusetzen und den Esel in der Tiefe des Brunnens zu begraben, um seinem treuen Freund weiteres Leid zu ersparen. Mit jeder Schaufel Erde, die er in den Brunnen warf, gedachte er der vielen Jahre, die er mit dem Esel verbracht hatte. In der Tiefe des Brunnens erwachte der ge-schwächte Esel und mit ihm eine unerwartete Hoffnung.
Mit Hoffnung wächst Entschlossenheit
Diese Hoffnung, genährt und gestärkt durch die jahrelange Liebe und Fürsorge seines Besitzers, trieb ihn an, sich aus dieser aussichtslosen Lage zu befreien. Bei jedem Erdklumpen, der auf ihn nie-derprasselte, bebte der Esel und stampfte mit seinen Hufen fest auf den Grund des Brunnens, als würde er den Rhythmus seines eigenen Schicksals trommeln. Schaufel für Schaufel wuchs die Hoffnung und mit ihr seine Entschlos-senheit. Schließlich, nach vielen Stunden harter Arbeit, wagte der Bauer einen vorsichti-gen Blick in den Brunnen. Zu seinem Erstaunen sah er, dass der Esel noch lebte. Er hatte sich seinen Weg nach oben erkämpft. Überglücklich half er seinem Esel aus dem Brunnen, und in diesem Moment erkannten beide, dass das unerschütterliche Band aus Liebe und Hoffnung sie durch ihre dunkelsten Stunden getragen hatte.
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Der Dreiklang des Lebens: Glaube, Liebe, Hoffnung
In der Erzählung des alten Bauern und seines Esels spiegelt sich die tiefe Verbindung zwischen Liebe und Hoffnung wider. Unser ganzes Leben lang sehnen wir uns nach Liebe, suchen sie. Wir reden viel darüber, aber ich glaube, ohne Hoffnung ist Liebe unmöglich! Oft versuchen Menschen zu lieben, obwohl sie von hoffnungslosen Gedanken geprägt sind. Wer hofft, wird heutzutage schnell als Naivling abgestempelt. „Lieber vom Schlimmsten ausgehen, dann wird man vom Leben nicht enttäuscht.“ Doch Hoffnung als eine freudige Erwartung, als Glaube, als tiefes Vertrauen, sind die Federn an den Schwingen der Liebe. Nein, Hoffnung ist weder ein Wunschkonzert noch Aberglaube, für viele aber ist sie nur ein Schönwetterfreund.
Echte Hoffnung bedeutet, die Welt so anzunehmen, wie sie ist, und dennoch zu vertrauen, dass Veränderung möglich ist – bei uns selbst! Hoffnung wird zu einer bewussten Wahl, einem inneren Kompass, einer Tugend mit wahrhafter Macht über unser Leben. Wenn wir verstehen wollen, was Hoffnung ist, müssen wir uns fragen: Was erwarten wir von unserem Leben? Oft höre ich als Antwort: „Dass es besser wird als bisher“ oder „Ich weiß nicht … Mal abwarten.“ Doch meine Frage war: Was erwarten wir wirklich? Wie sprechen wir von unserer Zukunft? Worauf streben wir hin, und welche Gedanken begleiten uns beim Erwachen am Morgen? Denken Sie: „Schon wieder ein Tag. Hoffentlich geht er schnell vorbei“ – oder sind Sie offen, neugierig und gespannt darauf, was der neue Tag bringen mag? Vielleicht bringt er die lang ersehnte Wende oder eine neue Liebe? Doch dafür müssen wir das Unbekannte willkommen heißen.
Mit Hoffnung im Herzen schütteln wir den Staub des Alltäglichen, der Sorgen und der alten Muster jeden Tag aufs Neue ab. Niemals aufgeben – weitermachen! Stampfen Sie fest auf den Schutt. Errichten Sie eine Sprungschanze oder eine Festung, um für all das bereit zu sein, was Sie heute noch nicht wissen oder erahnen können. Wie die zarten Schwingen der Hoffnung den Esel aus seinem vermeintlichen Grab hoben, so können auch wir die süße Melodie der Hoffnung in den Stürmen des Lebens hören.
Scheitern als Aufforderung zum Weitermachen
Schon eine kleine freundliche Geste reicht aus, damit wir andere Menschen an die zarte Feder der Hoffnung erinnern. Dann wird selbst aus einem scheinbar ungeschickten Esel ein geflügelter „Esasus“ (von Pegasus). Dann lernen wir auch durch unser eigenes Handeln neue Hoffnung schöpfen! Der Phönix aus der Asche verkörpert die Hoffnung in ihrer heroischsten Form. Doch im wahren Leben gleicht Hoffnung oft eher einem störrischen Esel oder einem Vogel Strauß. Traumata lassen sich nicht mythisch verklären – manchmal bedeutet Hoffnung schlichtes Überleben – ohne sofortigen Zugewinn an Weisheit und Stärke. Scheitern ist kein Endpunkt, sondern eine Aufforderung zum Weitermachen. Nicht der erste Versuch, sondern die Bereitschaft, es erneut zu probieren, unterscheidet den Erfolg von der Niederlage. Meistens verstehen wir erst in der Rückschau: Unsere Hoffnung war berechtigt, aber der Weg war steinig.

Hoffnung neu denken: Grundprinzip der Realität
Wir sollten Hoffnung nicht nur als ein Gefühl betrachten, sondern als einen fundamentalen Baustein unserer Realität – vergleichbar mit den Atomen, aus denen alles besteht. Diese winzigen Teilchen sind überraschenderweise größtenteils leer. Würde man einen Atomkern auf die Größe eines Stecknadelkopfes vergrößern, erstreckte sich die Elektronenhülle über das Ausmaß eines Fußballstadions. Dieser scheinbar leere Raum birgt das Potenzial allen Seins. Hier lassen sich Parallelen zu Martin Heideggers philosophischer Auffassung des „Seins“ als dynamischer Möglichkeit ziehen, die er-staunlich gut mit dem buddhistischen Konzept der „Leere“ (Shunyata) übereinstimmt, das als Fülle unendlicher Möglichkeiten verstanden wird. Es scheint gar so, als würde uns das Universum sagen wollen: „Es gibt stets Raum für eine neue, eine schwere, eine unerhoffte Wiedergeburt.“ In diesem Spannungsfeld zwischen Warten und Erwartung offenbart sich das Wesen der Hoffnung: Hoffnung ist nicht bloß eine naive Zuversicht, sondern Ausdruck eines Seinsverständnisses, das das Potenzial des Unvorstellbaren als grundlegend für unsere Wirklichkeit anerkennt. Diese integrative Sichtweise lädt uns ein, Hoffnung neu zu denken – als ein Grundprinzip der Realität, tief verankert in den Strukturen des Kosmos und den vielfältigen Facetten menschlicher Erfahrung.