To Fall in Love – oder in den Abgrund?
Seelenschau 04/25: Schnee von gestern
(Von Thomas Lambert Schöberl – Buchautor, Theologe, Pädagoge)
Es fängt nie mit den großen Dingen an. Es fängt mit Blicken an, die länger haften, mit Worten, die plötzlich fehlen, mit Menschen, die langsam verschwinden – erst aus Gesprächen, dann aus Räumen, dann aus der Welt. Ich habe lange geglaubt, dass das Gute sich von selbst erhält. Dass Liebe genügt, um Hass zu überdauern. Aber Liebe ist keine Wildblume, die von allein wächst. Sie muss gehegt werden, geschützt, verteidigt. Denn wenn sie einmal unter den Stiefeln der Gleichgültigkeit begraben liegt, dann keimt nichts mehr. Dann bleibt nur verbrannte Erde, und wir alle stehen darauf, barfuß, mit leeren Händen, und fragen uns, wann es passiert ist.

Neulich fragte mich ein Journalist, ob ein Buch über Liebe in diesen Zeiten nicht wie Eskapismus wirke. Eine berechtigte Frage – wenn man Liebe nur als Privatsache betrachtet. Während politische Debatten zunehmend in Lagerdenken erstarren, verlieren wir aus dem Blick, dass Vertrauen – in Politik, Bildung, Institutionen und Medien – ohne Liebe nicht gedeihen kann. Viele nutzen ihre Stimme bei Wahlen nur noch als Denkzettel, statt als Instrument der Mitgestaltung. Sind wir bereits so verbittert? Oder, um es mit Wilhelm Reich zu sagen – wortwörtlich „verpanzert“?
Die WHO beschreibt Wohlbefinden als körperliche, geistige und soziale Balance. Doch was bleibt davon, wenn Misstrauen den Puls beschleunigt, Einsamkeit das Immunsystem schwächt und Angst vor Zurückweisung den Atem nimmt? Studien zeigen: Menschen mit starken Bindungen erholen sich schneller, leiden seltener an Depressionen und haben ein stabileres Nervensystem. Liebe ist keine Sentimentalität, sondern die wohl umfassendste Strategie für ein gelingendes Leben – und die stärkste Überlebenskunst. Sie heilt, weil sie verbindet – nicht nur Beziehungen, sondern auch Körper und Seele. Wer sich aufrichtig einlässt, stärkt Vertrauen und Resilienz. Berührung aktiviert Selbstheilung, Vertrauen schenkt Freiheit. Vielleicht liegt genau hier die größte Herausforderung: Zu erkennen, dass wir uns nicht selbst genügen. Kein Algorithmus, keine Optimierung, kein Rückzug ins Private füllt die Lücke, die nur echte Nähe schließen kann.
Bildung ohne Herz – eine Anleitung fürs Scheitern
Ja, emotionale Kompetenz ist der stärkste Prädiktor für psychische Widerstandskraft. Doch während wir in der frühkindlichen Bildung Bindungssicherheit fördern, verliert sich dieser Anspruch im Schulsystem. Dort zählt Verwertbarkeit, nicht Verbundenheit. Dabei ist Bildung nie neutral und Unterricht immer auch Erziehung. Entweder zur Konkurrenz oder zur Kooperation, zur Angst oder zur Offenheit. Wer früh lernt, dass Menschen keine Maschinen sind, dass Wissen nicht nur abrufbar, sondern erfahrbar sein muss, der versteht auch, dass Demokratie mehr ist als Verwaltung. Sie lebt von Zugewandtheit, von der Fähigkeit, Differenzen auszuhalten. Kant sah in der Bildung den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, Humboldt in ihr die Entfaltung der Persönlichkeit, Foucault die Bedingung jeder echten Freiheit.
Bildung war einmal der Ort, an dem aus Herkunft Zukunft werden sollte. Wo kein Raum für Kunst, für Ent-deckung und Hingabe ist, gibt es auch keinen Raum für Inklusion – für Herzensbildung. Und es ist die Pflicht der Kulturschaffenden, genau das zu benennen! Feuilletons, Medien, Kunst müssen nicht bloß mahnen. Sie müssen begeistern. Sie müssen zeigen, dass Poesie und Praxis, Mathematik und Musik, Handwerk und Philosophie keine Gegensätze sind – sondern der Stoff, aus dem eine freie Gesellschaft und ein erfülltes Leben besteht. Wer sich nur für Relevanz interessiert, verliert die Essenz. Und hier liegt auch die eigentliche Gefahr im Verhältnis von Mensch und Technologie: Nicht in der Existenz von künstlicher Intelligenz, sondern in der Tatsache, dass wir uns selbst zunehmend wie Maschinen formatieren. Die Angst vor KI ist nicht unbegründet – aber nur, wenn wir vergessen, dass ihr Wert darin liegt, unser Zuarbeiter zu sein, während wir uns dem widmen, was Technologie nie ersetzen kann: dem Lieben.
Wer die Liebe verlernt, verliert den Glauben an die Zukunft
Was nützen Wissen und Debatten, wenn wir unfähig sind, eine Beziehung zu dem einzugehen, was uns erhält? Liebe ist immer ein Du und ein Ich – auch zur Natur. Doch während Wälder brennen und Flüsse über die Ufer treten, diskutieren wir lieber darüber, ob Baum-umarmen peinlich ist. Zwischen Panik und Zynismus ist uns die Fähigkeit abhandengekommen, die Natur nicht nur zu verwalten, sondern als Lebendiges zu begreifen. Dabei zeigen Studien längst, dass Naturkontakt Stress senkt, das Immunsystem stärkt, unsere Psyche stabilisiert. Doch während wir die Angst vor der Klimakatastrophe in Zahlen gießen, bleibt die eigentliche Frage unbeantwortet: Warum fällt es uns so schwer, uns der Welt nicht nur rational, sondern mit Hingabe zu nähern? Wilhelm Reich hätte es präzise diagnostiziert: Unsere Angst vor dem Lebendigen übersteigt längst die Furcht vor dem Untergang. Die schmelzenden Gletscher, die verdorrten Landschaften – sie sind nichts anderes als die äußere Manifestation unserer inne-ren Überhitzung. Wollen wir noch retten, was zu lieben wir vorgeben, so müssen wir – welch revolutionärer Gedanke! – uns wieder dem Fühlen öffnen.
Herzensangelegenheit, nicht Eskapismus
Wir müssen wieder Gedichte drucken, Bilder schaffen, Briefe schreiben, Mythen weitergeben – nicht als Eskapismus; nein; als Herzensangelegenheit, als Erinnerung an das Menschsein! Kunst, Poesie, Musik sind keine bloße Zierde der Zivilisation, sondern ihre tiefste Schule der Liebe: Zu allem auf dieser Welt gibt es ein Lied, ein Bild, ein Gedicht – nicht, um es abzubilden, sondern um es zu begreifen, zu internalisieren und um selbst ein Echo in den Dingen zu werden. Dann wird die Welt zu einem Zuhause. Viele glauben, die Sprache entstand als Werkzeug des Überlebens, doch Heidegger erinnert uns: Sie ist das „Haus des Seins“. Heute behandeln wir Sprache wie eine Maschine: messerscharf für Technologie und Märkte, aber stumm vor dem, was Kierkegaard den „Sprung in den Glauben“ nannte – unsere Lebenskonzepte sind nicht selten Opfer einer selbstverschuldeten transzendentalen Obdachlosigkeit. Werden künftige Archäologen in unseren Datenströmen und Aktienkursen nach Spuren der Seele suchen müssen?
Wenn die Poesie aus unserer Sprache schwindet, Metaphern versiegen und die Bilder unserer Vorstellungskraft verblassen, dann verliert der Mensch nicht bloß seine emotionale Ausdruckskraft – er verliert seinen inneren Kompass, seine Authentizität und die Fähigkeit, sein eigenes Leben zu deuten. Diesem Verlust möchte ich begegnen: Wie ein alter Mythos den Inuit nachsagt, kennen sie fünfzig verschiedene Worte für Schnee – so habe ich mich auf die Suche nach fünfzig Worten für die Liebe gemacht. Denn verdient nicht gerade sie, in all ihren schillernden Facetten benannt zu werden? Mein Buch versteht sich als erste Schneeflocke in einem möglichen Sturm – als Einladung an jeden, seine eigenen fünfzig Worte zu finden für jene Kraft, die unser Leben durchstöbert. Ja, der Mensch gleicht einer Schneeflocke – einzigartig; vergänglich; von Geburt an und zum Fallen bestimmt und erst im Zusammenspiel dieser unzähligen individuellen Schicksale entsteht je-nes atemberaubend schöne und kostbare Phänomen das wir „Schnee” nennen. Angesichts von allem – dem Schlechten wie dem Guten – führt unser Fall in die Lebens-Haltung der Liebe. “To fall in love” – verliebt euch, sonst sind wir verloren! In eine Haltung, die kein bloßes Gefühl ist, kein Schicksal und kein Zufall – sondern eine Entscheidung. Eine Bewährung. Freiheit. Vergebung. Neubeginn. Vertrauen. Glaube. Erkennen wir in ihr das, was sie wirklich sind: unsere letzte, unsere erste, unsere einzige Chance auf Rettung.
Autor: Thomas Lambert Schöberl,
Jahrgang 1989, ist Heilpraktiker, Theologe, Experte für Naturheilkunde sowie Musik- und Kunstlehrer. In München betreibt er eine Praxis für alternative Heilmethoden. In seinen Seminaren und Workshops bilden die Themen Natur, Kreativität und Ganzheitlichkeit den Schwerpunkt.
Weiterführende Literatur
Buchcover neues Buch Liebe
T. Schöberl: 50 Wörter für Liebe. Inspirationen, die das Herz berühren, Mankau, Unterammergau 2025