Ein Monat ohne Ausflüchte
Seelenschau (Naturarzt 11/25): Frostprobe
(Von Mika Schöberl – Schriftsteller, Theologe, Pädagoge, Heilpraktiker
Die Rosen im Garten tragen nun ihre nackten Stängel wie erbarmungslose Geständnisse. Kein Blatt mehr, das die Narbe kaschiert. Kein Duft, der die Melancholie überspielt. Es ist die Zwischenzeit, in der man zweifelt. Nach jeder Entscheidung meldet sich ein spätes Rascheln, das uns zuflüstert, wir hätten anders wählen sollen. Dieses Raunen klingt wie Reue und wird gern als Fehlentscheidung interpretiert. Doch in Wahrheit ist es nur ein Nachglühen – wie jener helle Fleck, der bleibt, wenn man zu lange in die Spätsommersonne geschaut hat. Er blendet uns noch, obwohl die Sonne längst gesunken ist. Jetzt ist die Zeit den Unterschied zu lernen: zwischen einer falschen Wahl – und dem Nachglühen einer Entscheidung, die nur noch nicht geheilt ist.

Rückläufigkeit bedeutet nicht Rückschritt. Sie bedeutet: Revision. Frostprobe. Ent-schlossenheit. Vertrauen. Zuversicht. Der Himmel ruft uns nicht nach vorn, son-dern in die Narbe hinein. Saturn fragt: Trägt deine Struktur, oder war sie nur Pose? Neptun flüstert: War dein Traum echt, oder nur Nebel? Pluto bohrt: War dein Schnitt an der Wurzel, oder nur am Zweig? Diese Fragen brennen wie Frost in den Adern – und sie kennen keine schnelle Antwort.
Nichts lässt sich überspringen, nichts be-schleunigen, weder künstlich beschneien noch weiß färben. Und wie der Garten, so der Himmel. Die zweite Jah-reshälfte 2025 ist kein gewöhnliches Ende. Fast alle großen Planeten gehen rückwärts – Saturn, Neptun, Pluto, Chi-ron, bald auch Uranus; Jupiter und Mer-kur stolpern dazu. Es ist, als hätte der Kosmos selbst die Heckenschere angesetzt und sich zurückgezogen, um zu prüfen, ob wir standhalten.
Nicht jede Stille muss Bedrohung sein
Dies ist kein Monat der Taten, sondern der Haltung. Er verlangt, dass wir aushal-ten, ohne gleich wieder zu fü(h)llen. Einfacher gesagt als getan. Psychologen nennen es „negativity bias“: Leere wirkt wie ein Warnsignal, das sofort nach Er-satz ruft – nach Ablenkung, nach Stim-men, nach Terminen. Doch nicht jede Stille ist Bedrohung. Manchmal ist sie nur Raum. Draußen fegen wir die Terrasse, stellen die Möbel in den Schuppen – drin-nen warten andere Stühle. Plätze, die nicht für Gespräche bestimmt sind, son-dern für Stille. Für Meditation. So begreife ich, dass es in diesem Monat nicht um Beweise geht, sondern um das Schauen: Blick statt Beweis. Schon we-nige Sekunden eines ruhenden Blicks aktivieren den Parasympathikus – jenen Zweig des Nervensystems, der beruhigt. Es braucht keinen Beweis, kein Ergeb-nis: nur einen Ast im Wind, eine Kerzen-flamme, einen bewussten Atemzug. Der Körper versteht, was der Kopf nicht glaubt: Ruhe trägt.
Doch Stille allein genügt nicht. Der Körper verlangt Begleiter, Kräfte, die nähren und klären: Ruhe wohnt nicht nur im Geist, sondern auch im Blut. Seit Jahr-hunderten rufen wir dafür die Pflanzen an – im November mehr als sonst. Denn die dunkle Zeit beginnt zu Samhain (Halloween), Allerheiligen und Allerseelen. Dabei haben Pflanzen seit jeher eine ganzheitliche Wirkung: verräuchert, um Geister fernzuhalten; gesegnet, um die Lebenden zu schützen; verehrt, weil in ihnen das Licht des Sommers nachglüht.
Am Gartentor wartet die Angelika. Auch „Engelwurz“ nannten sie die Alten: Der Legende nach habe ein Erzengel den Menschen die Pflanze in Seuchenzeiten gezeigt; man trug ihre Wurzel bei Prozessionen, räucherte zu Samhain und bat um Schutz. Heute sind wir prosa-ischer und präziser: Ihre Bitterstoffe und ihr ätherisches Öl fördern Speichel-, Magen- und Gallensekretion, lösen Krämpfe der glatten Muskulatur und beruhigen ein aufgeschrecktes Nervensystem; dafür liegen solide Erfahrungswerte vor. Ange-lika ist die Patronin der Mitte. Sie sammelt das Zerstreute, verleiht Schwere, wo der Geist zu trügerisch geworden ist, und lässt Entscheidungen „verdaut“ werden — nicht hastig, sondern vollständig. Ihr Duft ist erdig, trocken, ohne Süßholz. Sie ruft die inneren Stimmen an den Tisch, lässt sie ausreden und beendet das Durcheinander. Angelika steht damit exakt für das, was dieser Monat verlangt: Zentrierung statt Zerstreuung — die Fä-higkeit, eine getroffene Wahl im Körper zu beheimaten.
Doch nach dem Verdauen braucht es ei-nen erfrischenden Waldspaziergang. Hierbei ist die Fichte unsere Gefährtin. Die Kelten verehrten sie als Weltenachse und in der Volksmedizin wurde ihr Harz als „Burgundisches Pech“ zum Desinfi-zieren von Wunden genutzt. Ein Aufguss ihrer Nadeln lindert Husten und Katarrh, denn ihre ätherischen Öle erweitern die Bronchien, lösen Schleim, fördern die Durchblutung. Wer seinen Saunaaufguss mit Fichte anreichert, der riecht ihr unausweichliches „Jetzt“: frisch, scharf, ohne Umschweife. Die Fichte sagt: Atme. Kläre. Richte dich auf! Die Schafgarbe (Achillea millefolium) ergänzt diese Strenge nicht durch Wucht, sondern durch Fürsorge. Antike Heiler erzählten, Achilles habe sie im Trojanischen Krieg genutzt, um die Wunden seiner Gefährten zu stillen – darum trägt sie bis heute seinen Namen. Sie heilt das, was wir im Oktober stutzen mussten, denn sie wächst dort, wo Unordnung herrscht – an Wegrändern, auf Schutthalden – und spendet ihr weißes Licht der Differenzierung. Aber so sehr die Schafgarbe das Durcheinander zu schmücken weiß, so wenig kann sie doch die Sehnsucht befriedigen. Den Wunsch nach Farbe, nach Wärme, nach einer fast possierlichen Gegenkraft.
Schatten und Süße als Botschaften des Kürbisses
Der Kürbis erscheint als Wächter am Gartenzaun: ausgehöhlt; mit Kerzen bestückt; als Bollwerk gegen negative Energien. Vielleicht aber erzählt er auch von den Dämonen, die wir in uns selbst verstecken – Zweifel, alte Muster, ungestillte Begierden. Ein Kürbis, der eben noch eine Fratze zieht, kann auch honigsüß sein: in Suppe, Brot, Kompott. Er lacht fast über sich selbst, wenn er vom Schreckgespenst zum Trostgericht wird. Seine Botschaft: Schatten und Süße sind zwei Seiten derselben Frucht.
Wissenschaftlich ist der Kürbis pure Selbstfürsorge. Sein Fleisch liefert Beta-Carotin, Vitamin E, Kalium und Ballast-stoffe – Balsam für Herz und Haut. Seine Kerne – echte Juwelen: reich an Phytos-terolen und Zink, sie stärken Blase und Prostata, wirken entzündungshemmend und verbessern den Harnfluss. In der Phytotherapie gilt er als Schutzpatron des Unterleibs. Kein Zufall, dass er im November, wenn Pluto im Zeichen des Skorpions herrscht, genau dort wirkt: bei den Urtrieben, den Kräften, die Entscheidungen erden – Sexualität, Vitalität, das schiere Überleben. Energetisch entspricht das dem Wurzel- und Sakralchakra: Dort sitzen Instinkt, Standhaftigkeit und schöpferische Lust. Der Kür-bis zeigt uns, dass jede Entscheidung nicht nur Kopf braucht, sondern Bauch, Unterleib, Urkraft. Und während der Kür-bis den Abend versüßt, bringen Zimt und Ingwer die Würze. Einst kostbar wie
Gold, regulieren sie den Blutzucker, för-dern die Durchblutung, wirken antimikrobiell. Ihr Duft weckt flauschige Kindheitserinnerungen und macht Nahrung zum Ritual. Zusammen mit Kardamom, Nelke und Muskat verschmelzen sie zu jener Mischung, die man „Pumpkin Spice“ nennt – tief verwurzelt in der Archetypik des Feuers, und der Erdung -weil sie aus Erde sind: Wurzel und Rinde. Verdichtete Zeit.
Dann erkenne ich: aus dieser Tiefe wächst der Friede, die Reife, der Genuss – aus Entscheidungen ein Zuhause ent-stehen zu lassen. Denn irgendwann wird aus Ertragen Verstehen, aus Verstehen wird Wertschätzung – vielleicht sogar Liebe. Draußen liegen die letzten Quitten auf nassem Holz, der Abend atmet wie klirrendes Glas in den Zweigen, und neben der Tür leuchtet das satte Orange des Kürbisses. Dieses Jahr habe ich ihm ein anderes Gesicht geschnitzt – weniger Schreck, mehr Komplize. Ein Stillleben aus Enden und Anfängen, das keine Argumente mehr braucht – nur ein Herz, das lange genug hinsieht.